Ella erzählt über vermissen und finden (#3)

 

 

„Ich war dort, bei dem Treffen wegen der online-Schreib-Challenge.“ (siehe#2) Ella wirkt nachdenklich. „Da muß ich nicht mehr hin.“ Es habe ihr eine wichtige Erkenntnis verschafft, meint Ella: Die unbeschreibliche Erleichterung, die sie darüber  fühle, dass sie „nicht mehr jung sein“ müsse.

Ella erklärt: „Im Innern schon, im Herzen und im Geist und so. Aber nicht jung an Leben. So froh war ich darüber, dass ich sie alle hätte umarmen mögen, die Jungen, die da waren und überhaupt alle. Und trösten. Sagen: es wird schon, lasst euch Zeit. Ihr habt so viele Talente. Ihr werdet lernen, euch zu euren Ängsten zu bekennen.“

Sie hätte sich fremd gefühlt in der Gruppe. Eine Art von Fremdsein, das über das Neu-Sein hinausginge. „Das war wie ein Treffen von Abgesandten verschiedener Planeten. Nur von der Erde war niemand dabei. Nicht mal der Typ, der aussah wie Karl Marx bevor er ergraute, na, er war ja auch erst Mitte zwanzig, nicht mal der war irdisch. Ich habe es gemerkt an seiner Art zu sprechen. Keine Modulation. Das, was sein Gesicht war, zeigte keinerlei Mimik. Er sprach ständig von den fünfzig oder sechzig Sonnensystemen, für die er ‚zuständig‘ war. Und er hatte einen Wikipedia- Chip eingebaut, der ihn veranlasste, auf den kleinsten Reiz hin Definitionen und Hintergrundinformationen von sich zu geben. Gosh!“

Auf der Heimfahrt hätte sie an andere Gruppen gedacht.  Sie blickt über meine Schulter aus dem Fenster. Erzähl, sag ich. Statt dessen greift Ella in ihre Tasche auf dem Stuhl neben sich und kramt  in einer Mappe. Zieht ein paar beschriebene Bögen Papier heraus. „Hier!“

Ich lese.

Garne, Stoffe, Worte
oder:
Gruppen

Heute, auf meinem Heimweg vom Gruppentreffen in der Schmiede, und noch eine ganze Weile danach, trug ich ein Gefühl der Geborgenheit in mir. Wir hatten Übungen zum Schreiben gemacht, vorgelesen, diskutiert.  Die Stimmung war offen, ehrlich, ruhig, irgendwie besinnlich. Doch allein daher rührte meine Gemütslage nicht. Ich ging dem Gedanken nach und er führte mich zu euch, den Frauen in dieser Gruppe.
Ein Platz in eurer Mitte wurde mir gegeben. Ihr habt mich aufgenommen. Ihr beginnt, mich anzunehmen. Da kommt Vertrauen, nimmt einen Stuhl, setzt sich in die Runde. Ein willkommenes Mitglied. Davon ermuntert gesellt sich Geborgenheit dazu, macht sich breit und folgt mir dann nach Hause.
Sie regte mich an, euch etwas zu erzählen. Es gab da andere Gruppen in der Vergangenheit, die mich auf- und später angenommen haben.

In Texas, eine Strickgruppe. Einmal in der Woche fuhr ich die 50 oder so Meilen auf abgelegenen Straßen durch die zentraltexanische Hitze, um die Frauen zu treffen. Wir waren sechs :

Linda, die ihr Stadthaus in Austin hatte, eine zartgliedrige Künstlerin in Öl, mit einer Vorliebe für feine Garne und komplizierte Muster. Sie unterhielt eine kleine Farm im wilden, rauen Hinterland von Texas. Mit Pfirsichen und Tomaten und vielen alten Rosen, die sie verkaufte und 200 Acres an Land, das sie bejagen ließ von Freunden. Und ein Haus in den Hügeln von New Mexico hatte für den Sommer, wenn der in Texas gar zu heiß wurde.

Charla, Gattin eines Arztes, die «nach oben» geheiratet hatte, nach einer gescheiterten Ehe mit einem Autohändler, der am Suff gestorben war. Sie hatte es fertig gebracht, das Haus ihrer Träume zu erwerben, komplett mit Brunnen, Gästehaus, Olivenbäumen, Black Angus Cattle auf der Ranch nebenan. Sie schaffte es mit Charme und Geschick, mich zu überreden, es für sie einzurichten. Ihr Strickzeug war das, das pink, grellgelb oder neongrün auf dem Tisch ruhte, während sie emsig Tee nachgoss, den neusten Tratsch verteilte und über Reservierungen für unser Lunch telefonierte.

Betty, oh, Betty. Ruhelos, stets ein wenig unsicher, ob sie überhaupt stricken konnte. Ein Sohn im Gefängnis, niemand wusste jemals, warum. Sie selbst immer in Sorge, immer in irgendwelche Operationen verwickelt. Immer Rückenschmerzen. Ihr Mann eingebunden in die riesige Ranch: 5000 Stück Vieh. Keine Ahnung, was das bedeutet. Es hielt ihn beschäftigt. Sie bauten ein neues Haus auf dem Hügel, weil das alte drohte, die Talsohle hinab zurutschen.

Elisabeth. Sie war Britin. Sie hatte einen amerikanischen Piloten geheiratet unter der Bedingung, dass sie eine Hälfte des Jahres in den USA und die andere in Schottland verbringen durfte, wenn sie wollte. Sie war britisch, durch und durch. Ich liebte ihr klares Englisch und die köstlichen Worte, die sie beherrschte. Sie trug Stützstrümpfe unter ihren knielangen Bermudas, mit Sandalen. Sie strickte Zopfmuster und Sachen mit eng anliegenden Rollkragen. Sie kochte Gerichte mit unaussprechlichen Namen.

Marylou. Sie war seit ewigen Zeiten geschieden und liebte einen Yorkshire Terrier, der auf den Namen Pinko hörte. Ihr gehörte der Woll- und Stoffladen, in dem wir uns trafen. Sie hatte ein Haus im Ort, vor dem sie Gardenien zog, die die Attraktion der Nachbarschaft waren. Ich war mehrmals eingeladen, um den Duft der anspruchsvollen Pflanzen zu genießen.
Und da war ich. Ich wohnte in einem alten Stone Cottage in der Nähe von Briggs. Deshalb wurde unsere Gegend Briggs Road genannt. Wir hatten Skorpione, die nachts von der Decke auf das Bett fielen, und Taranteln, die über die Veranda krochen und  Giftefeu, das man nicht berühren durfte. Aber wir hatten auch die Whippowillows, grauschwarze, kleine Vögel, die des Nachts auf dem trockenen, warmen Boden saßen und sangen: whippo-willow, whippo-willow bis man einschlief. Wie sich die winzigen Kreaturen jemals all die langen Rufe merken konnten, ist mir ein Geheimnis. Wir hatten auch Granatäpfel, hart und unnachgiebig, zwei Tomaten pro Saison und jede Menge Agaven, die wie nasse Katzen aussahen, wenn sie blühten und der Tau sie beschwerte. Ich liebte das Cottage. Als wir einzogen, war es dem Verfall geweiht. Wir renovierten das meiste, dann ging Tom nach Afghanistan. Ich verwandelte das Häuschen mit Milkpaint, handgehäkelten Vorhängen, antiken Quilts und Vintage Furniture in meinen amerikanischen Pionier Traum.
Als Tom nach einem Jahr zurückkam, hatten wir einen trockengelaufenen Brunnen und eine unbrauchbare Sickergrube, also zogen wir weg.

Wir kauften unser erstes Haus in den USA. Wir lebten in außerhalb von Waco,TX. Ich blieb bei der Strickgruppe. Charla bekam Darmkrebs. Marylou gab den Laden auf. Betty hatte Operationen an ihrer Wirbelsäule. Elisabeth zog nach England, um ihre Mutter beim Sterben zu begleiten. Linda verbrachte mehr Zeit in New Mexico. Wir zogen um. Nach Tennessee.
In Clarksville, TN, fand ich eine neue Gruppe, die mir Rückhalt verschaffte. Diesmal waren es Quilterinnen.  Es begann damit, dass ich mich in einem winzigen Stoffgeschäft für einen Nähkurs anmeldete. Schlafanzughose mit passendem Kissenbezug. Ich nähte seit dreißig Jahren, machte den Kurs nur, um Leute zu treffen. War die einzige Teilnehmerin. Lernte JoAnnn kennen, die den Kurs leitete und einer Quiltgruppe angehörte, die sich einmal in der Woche traf. Die «TNpattchers» hatten strenge Aufnahmebedingungen, deren wichtigste ein totaler Aufnahmestopp war. JoAnn und ich waren sofort Freunde.
Eine Woche später war ich in dem Stoffladen, in dem JoAnn arbeitete. Eine Frau sprach mich an. Sie stellte sich vor: Patty. Mein Name ist Patty. Ich bin in der Quiltgruppe, in der auch JoAnn ist. Wollte dich fragen, ob du bei uns vorbeischauen und, wenn es dir gefällt, mitmachen möchtest. JoAnn hat beim letzten Treffen von dir erzählt. Da haben wir alle abgestimmt und beschlossen, eine Ausnahme für dich zuzulassen.
Ich fiel der fremden Frau um den Hals und war am nächsten Freitag bei meinem ersten Quilttreffen. So aufgeregt, dass ich meinen Kaffeebecher umstieß, um den wundervollen, handgenähten Quilt von Irene, die neben mir saß, in ungleichmäßiges Kaffeebraun zu tauchen. Dass mir dieser Unfall nie übel genommen wurde, war einer der Grundsteine unserer nachfolgenden Freundschaft.
Wir waren, wenn alle zusammenkamen, sechzehn. Wir durchlebten eine Vielzahl von Treffen, während derer wir nähten und uns unterhielten. Teilten Geburtstagsfreuden, Geldsorgen, brennende Häuser, Krankheiten, Kümmernisse und Feiern. Weggelaufene Hunde, zu viele Katzen oder Zucchini, Übernachtungsgäste, Überflutungen, Tornados, wir fanden und gaben Hilfe. Wir hatten Wettbewerbe mehrmals im Jahr, fertigten Trostquilts für das Kinderkrankenhaus in Memphis und  für verletzte Soldaten im Irak. Fuhren zu Quiltshows und Kurzferien. Wir besuchten einander im Krankenhaus.  Wir tauschten Rezepte und Nachwuchs von Haustieren. Dann starb Doris. Zwei Wochen und sie war tot. Das war schlimmer als ein Erdbeben für uns. Wir nähten ihren Töchtern Quilts aus den Stoffen, die sie hinterlassen hatte. Saßen zusammen und weinten und tranken Tee. Jean brachte Kuchen. Das half.

Jetzt bin ich hier. Jetzt habe ich das Schreiben. Es ist nicht Stricken. Es ist nicht Quilten. Es ist Schreiben.
Es ist nicht Linda oder Charla oder Elisabeth, nicht JoAnn, nicht Doris, nicht Patty. Es ist Sara und Marga, Stefanie und Gretel. Und ich.
Es ist eine Gruppe von Frauen, vom gemeinsamen Interesse zusammengeführt und vereint.  Es ist das Wissen, das man in der Verschiedenheit ähnlich ist und in der Vielfalt, in der Gegensätzlichkeit, zusammengehört. Es ist anders. Und es ist genau so.

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